Der „Original Ritter” – Ein Abzug nach Mass

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Jaeger 5/2015

Büchsenmacher Franz Ritter: Sein größter Coup – der „Original Ritter”, ein Abzug nach Maß, mit dem das Verreißen weitestgehend der Vergangenheit angehört.

Ritter Büchsenmanufaktur PresseBüchsenmacher Franz Ritter fertigt Jagdwaffen, und zwar mit einem speziellen Abzug. Mit ihm kann besonders präzise geschossen werden. Zudem lässt er sich in fast alle Systeme auch noch nachträglich einbauen. Sabine Kämper hat ihn besucht.

Manchmal kriegt Franz Ritter den Rappel, sagt er. Dann taucht er für einige Wochen in seiner Werkstatt einfach ab. Beim letzten Mal hatte ihn eine historische Waffe in einem Bildband derart inspiriert, dass er sie neu interpretieren musste. Das Ergebnis ist ein Stutzen aus Walnuss, gefertigt aus einem einzigen Stück Holz. „Das war schon eine Herausforderung, anschließend Lauf und Schloss bündig einzupassen”, sagt Ritter. Er hat ein Faible für alles Antike, für gute, sorgfältige Handwerkskunst und für Feinmechanik. Schon als Kind hat der gebürtige Niederösterreicher gerne gebaut und gebastelt. Und als es Mitte der 80er Jahre an die Berufswahl ging, entschied er sich, den Traumberuf seines Vaters zu ergreifen: „Der wollte nach dem Krieg Büchsenmacher werden. Das hat aber nicht geklappt. Also dachte ich mir, schau ich mir das doch mal an.” Dem Sohn hat’s gefallen. Fünf Jahre hat er in Ferlach an der Höheren Technischen Lehranstalt sein Handwerk gelernt. Und ist dann der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, erst nach Aachen und schließlich nach Garlstorf in der Nordheide.

DER VERBESSERTE ABZUG

Ritter Büchsenmanufaktur PresseEr fertigt Jagdwaffen nach Maß, passt Schäfte an. Von Beginn seiner beruflichen Anfänge an fragte er sich, wie man den Abzug verbessern könnte, schließlich werden hier die meisten Fehler gemacht.

Ritter überlegte, raspelte und feilte, probierte und testete aus. Langsam kristallisierte sich eine Form heraus. Das Ergebnis nach einigen Jahren Tüfteln war so einfach wie bestechend: ein modifizierter Flintenabzug auf Basis eines 98er-Systems mit ei-nem ergonomischen Abzugszüngel. Der „Original Ritter” steht nicht ein-fach gerade im Bügel, sondern ist auf bei-den Seiten abgeflacht und ein echter Fingerschmeichler. Anders als bei herkömmlichen Abzügen krümmt der Schütze den Finger nicht mehr um das Abzugszüngel und zieht es dann nach hinten, sondern er kommt mit einer sehr minimalistischen Bewegung aus. Der gerade Finger rutscht einfach ein bisschen nach unten, die Kuppe gleitet automatisch in die richtige Position in das Züngel hinein, es braucht nun nur noch einen kurzen, seitlichen Impuls, und der Schuss bricht. Waffe verreißen ist nahezu unmöglich.

Ritter Büchsenmanufaktur PresseUnd durch die passgenaue Form, selbstverständlich wird auch das Züngel für jeden Finger nach Maß gefertigt, verschmelzen Anschlag und Ab-ziehen zu einer einzigen Bewegung. Bei Drückjagden macht das mitunter die entscheidende Zehntelsekunde zwischen Treffer und Fehlschuss aus. „Kürzlich hatte ich einen Kunden”, erzählt Franz Ritter, „der hat regelmäßig die Waffe verrissen. Eine Sauer 90, der Abzug war einfach zu hart eingestellt. Dem habe ich also einen neuen Abzug eingebaut. Wenig später rief er mich überglücklich an: Er wäre in der Türkei gewesen und hätte ordentlich Strecke gemacht, unter anderem eine Sau auf 300 Meter geschossen. Küchenschuss.” Franz Ritter strahlt. Überhaupt blitzen die grauen Augen hinter den Brillengläsern, wenn er über seine Arbeit spricht. Zwölf Jahre war er angestellt bei Dittmann & Co. in Garlstorf, ist seit 2005 selbstständig und hat 2011 im Ort sein eigenes Geschäft eröffnet.

MIT GEFÜHL UND AUGENMASS

Vieles habe er im Gefühl, erzählt Franz. Ritter. Kommt ein Kunde für einen Maßschaft zu ihm, misst er die Schulter, den Abstand zum Auge und die Armlänge. Der Rest ist Erfahrung. Und Augenmaß. Das glaubt man ihm sofort, wenn man sieht, wie er die Welt mit Muße mustert. Ritter ist eher ein zurückhaltender Typ, aus der Ruhe bringt ihn so schnell nichts, schon gar nicht in der Werkstatt. „Hier kann ich abschalten. Manchmal stehe ich auch nachts um zwölf an der Werkbank”, sagt er. Schäften gehört dabei zu seinen liebsten Tätigkeiten: „Der Schaft bestimmt das Aussehen der Waffe, auf ihn schaut man zuerst drauf, er macht die Persönlichkeit aus.

Ritter Büchsenmanufaktur PresseEr schafft Balance und muss der Physiognomie des Schützen angepasst sein. Wenn der die Büchse in Anschlag nimmt, soll der Finger sofort am Abzug und das Auge im Zielfernrohr sein.” Rund fünf Anproben und mindestens 100 Arbeitsstunden sind nötig — anschließend schießt sich die Waffe etwa so, wie man mit einem Maßschuh läuft. Und auch beim Abzug setzt Ritter auf Gefühl: „Es gibt da diesen Punkt, wo ich im Finger spüre: Jetzt muss der Schuss brechen.” In der Regel ist das bei 750 bis 800 Gramm Abzugsgewicht der Fall. Beim nachträglichen Einbauen der ergonomischen Abzugszüngel ist daher auch im übertragenen Sinne Fingerspitzengefühl gefragt. Zunächst wird das alte Züngel ausgebaut und annähernd dupliziert, das heißt, das Rohmaterial wird ausgefräst. Ritter verwendet für die Abzüge vergüteten Stahl. Das kann zu einer echten Herausforderung werden.

Viele herkömmliche Abzüge sind aus Aluminium oder Gussmaterial.

„Die haben aber ein ganz anderes spezifisches Gewicht als Stahl. Entsprechend ist natürlich auch das System an der Waffe eingestellt”, erklärt der Fachmann. „Um Gewicht einzusparen, bringe ich in diesem Fall Bohrungen an nicht sichtbaren Stellen an.” Anschließend wird das Züngel in Form gefeilt, geschmirgelt, poliert und dann wahlweise noch blau oder gelbgold eingelassen. Nun ist es bereit zum Einbau. Je nach Abzugssystem eine mehr oder minder komplizierte Angelegenheit. „Bei der ersten Sauer 90 habe ich eine Woche gebraucht”, erinnert sich Franz Ritter. „Da gibt es im System keine Rasten, sondern Rollen. Das macht es schwierig, das Abzugsgewicht einzustellen.” Bei Waffen mit Stecherfunktion wird diese außer Kraft gesetzt, denn „die Abzüge stehen so trocken und haben ein so niedriges Abzugsgewicht, dass man den Stecher nicht mehr benötigt”. Am Ende der ganzen Prozedur steht ein Abzugssystem, das inzwischen Jäger in ganz Europa zu schätzen wissen. Die bis dato wohl weiteste Anreise hatte ein Kunde aus Lettland.

Ritter Büchsenmanufaktur PresseRITTERS ZUKUNFT

In Zukunft sollen noch mehr Produkte aus dem Hause Ritter den Jagdalltag bereichern. Franz Ritter plant den Dachboden zur Schäfterei auszubauen, er braucht Platz. Schließlich werden sie in ein paar Jahren hier zu zweit arbeiten: Ritter & Sohn. Junior Dominik lernt gerade in Ferlach im dritten Jahr. Den Senior freut’s, und vielleicht verschafft ihm das dann auch noch ein bisschen mehr Freiraum – wenn er wieder mal einen Rappel kriegt.

ABZUG UND ABZIEHEN

1. Tipp: Der Abzug muss trocken stehen, darf sich nicht ziehen lassen. Man erreicht das, indem die Raststellungen verändert werden, eventuell müssen Rasten poliert oder nachgehärtet werden.

2. Tipp: Beim Abziehen locker bleiben, nur den Finger krümmen und nicht an den Schuss denken. Konzentration nur nach vorn richten.

vom Sabine Kämper

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